Nationalität und Religion –
Was bin ich zuerst: Moslem/Christ/Jude oder Schweizer/Deutscher/Türke, …?
Do. 27. Mai 2010, Muttenz
Fragen an das Podium:
Gehöre ich dazu?
Dabei sein und nicht dazugehören?
Mit wem identifiziere ich mich?
Wohin gehe ich, wenn ich existentiell bedroht bin?
Die Frage wohl eine ähnliche problematische, als jene welche man Jesu stellte (Mark 12,13)
Eine Frage, die ja letztlich nach der legitimen Herrschaft fragt.
"Ist's recht, dass man dem Kaiser Zins gebe, oder nicht? Sollen wir ihn geben oder nicht geben? ..."Er aber merkte ihre Heuchelei und sprach zu ihnen: Was versucht ihr mich? … "
Es scheint, als hätten Muslime zurzeit das größte Problem, diese Herrschaftsfrage gesellschaftspolitisch kompatibel zu entscheiden. Trügt dieser Schein? Was sind die Gründe dafür?
Als sog. Anhänger monoth. Religionen verstehen wir uns ja als Söhne ADAMS – "des aus Erde gemachten". Ist das Konzept, "Ich bin ein Terraner" (ein einfaches und doch multiples Identitätsverständnis, kein spaltendes "Entweder - Oder", sondern ein verantwortliches und vereinendes "Sowohl-als-Auch") ein für SIE brauchbares Konzept? Wie beantworten Sie ganz persönlich diese Frage "Was bin ich zuerst?"
Gehöre ich zu einem Volk (Ethnie), einer Nation (geogr./polit. definierten Gruppierung), einer Religionsgemeinschaft?
Welche Prozesse sind gut für unterschiedliche Gruppen und Religionen:? Assimilationsdruck (Leitkulturen), Gesetze, die Grenzen setzen (Diskurs in Frankreich zu öffentlichem Erscheinen und Handeln oder Kreuzverbote in Deutschland durch das Verfassungsgericht), "Fördern und Fordern" mit Integrationsverpflichtungen (Schweiz) oder ein "partizipative Integration", wo alle Gruppen voneinander lernen und in aller Verschiedenheit miteinander leben lernen?
Schweizer Politiker rufen in Konfliktfällen nach Ausschaffung - auch von Schweizer Muslimen: Wenn uns Extreme oder gar Gewaltpotentiale Mühe machen, wollen wir sie "weghaben"? Früher per Scheiterhaufen und heute per Ausschaffungshaft und Abschiebung?
Die Frage bezieht sich auf die Identität des INDIVIDUUMS … das Individuum ist auch widersprüchlich und darf daher nicht auf EINE Identität reduziert werden.
Die KULTUR – RELIGION ist nur ein Identitätsaspekt unter vielen.
Es geht um den MENSCHEN und nicht um RELIGIONS- oder NATIONALITÄTSZUGEHÖRIGKEIT.
Minderheiten (resp. Individuen) dürfen nicht auf Minderheiten (individuelle) STRUKTUREN reduziert werden – die daraus resultierenden Verletzungen sind signifikant – und sind, weil sie ständig "verdrängt "werden, "subkutane" Ursachen für gegenseitige Abneigungen.
Die Frage nach der eigenen Identität ist eine kaum endende Suche.
Die Frage "Religion oder Nationalität" vermengt verschiedene Ebenen und kann daher gar nicht korrekt mit "dies ODER jenes" beantwortet werden. Erst im Begriff und der Praxis der "Kultur" berühren sich diese beiden Ebenen.
Religion hat die Tendenz einzuschränken und fragt nach der WAHRHEIT.
Politik stellt den Anspruch nach FREIHEIT.
Der Bürger wünscht die Freiheit und hat die Aufgabe zwischen Wahrheit und Freiheit ein möglichst harmonisches Verhältnis anzustreben.
Muslime haben seit dem 9/11 erstmals den Gedanken, dass sie ausreisen müssen, da sie nicht mehr erwünscht sind – dies IST erschreckend!
Dieser Gedanke lässt Juden nie ganz los!
Juden wird oft die Frage gestellt, "was bist Du zuerst jüdisch oder schweizerisch". Solche Frage ist Unsinn. Man kann "jüdisch sein" nicht einer bestimmten Nationalität anhängen. Jude sein wird oft als – "eine bestimmte Kultur haben" - verstanden und somit ist man beides, Jude UND Schweizer oder Franzose oder Türke…
Der Schweizer definiert sich selbst als Eidgenossenschaft von Minderheiten.
Selbst wenn man die göttliche Herrschaft über die der menschlichen stellt, BEINHALTET dies Gesetzes- und Vertragstreue.
Für Muslime ist die Frage nach der legitimen Herrschaft jedenfalls schon immer eine zentrale Frage gewesen. (Wer ist der legitime Nachfolger des Propheten à Schiiten/Sunniten – dynastisches Verständnis versus Demokatie ähnlicher Praxis).
Polarisierung spaltet die Welt immer mehr – ist das Gegen- und Bindemittel "kooperative Integration"?
Der Erfahrung, dass Regulierungsprozesse "ihre" Zeit brauchen, steht die Tatsache entgegen, dass unsere Zeit "schneller" geworden ist und u.U. diese Zeit nicht mehr lässt.
Eine Prognose für künftige Entwicklungen … Konflikte regeln sich oder eben nicht … lässt sich nicht abgeben … und das Spektrum wird weit gesehen.
Resümee:
- Offensichtlich MUSS der Mensch damit leben, dass er für seine Sache (oder "Seine", also die "Gottes"?) kämpfen MUSS.
- Doch KEIN Weg führt an der Zusammenarbeit – der KOOPERATION vorbei.
- Die Gesellschaft(en) MÜSSEN sich den neuen, veränderten Herausforderungen stellen.
- Die Hoffnung DARF nicht aufgegeben werden.
- Die Mehrheit MUSS ermuntert werden, um für Verständnis zu werben, dass der Brückenschlag zwischen KOOPERATION und UNGEWISSHEIT gewagt wird.
Zelt Abrahams