Abraham im Judentum

 

Aus meiner Sicht, ist Abraham (hebr. nennen wir ihn Awraham) für das Judentum nicht der Begründer des Monotheismus. Er ist lediglich der Erneuerer des Monotheismus und der Erklärer und Wortführer des Monotheismus für die Massen. Adam und Eva waren Monotheisten und während den 10 Generationen bis Noah gab es eine familiäre Linie der Monotheisten. Awraham war ein erster Abkomme dieser familiären Linie der versuchte auch andere davon zu überzeugen, dass es nur einen G’tt gibt und der darin auch Erfolg hatte. In der Bibel steht; er und seine Frau Sarah „machten viele Seelen“.

 

Für das Judentum am relevantesten ist natürlich die Verbindung von Awraham mit Sarah und danach folgend ihrer beider Sohn Jitzchak (Isaak). In dem finden wir bereits eine Differenz zur Relevanz im Islam. – Awraham ist nicht nur verbindend zwischen unseren Glaubensrichtungen des Monotheismusses aber doch – der kleinste gemeinsame Nenner.

 

Für Awraham war es eine Lebensaufgabe Gäste zu bewirten. Wir sehen dies am besten, wie gemäss der Bibel er drei Besucher von denen er nicht weiss, dass sie G’ttgesandte - also Engel sind, bewirtet obwohl er noch rekonvaleszent ist, wegen seiner Beschneidung die er auf G’ttes Befehl hin drei Tage zuvor ausgeführt hatte. Auch Ishmael bindet er in die Bewirtung der Gäste ein, obwohl auch dieser beschnitten worden ist. Bei der Begegnung mit den drei Engeln wird im prophezeit, dass er binnen eines Jahres, einen Sohn von seiner Frau Sarah empfangen wird. Da er und Sarah bereits in fortgeschrittenem Alter sind, lachen sie darüber. Deswegen nennen sie den Sohn der tatsächlich binnen eines Jahres geboren wird Itzchak. „Der Lachen wird“ – Sarah nennt ihn so weil sie sagt: Bereschit (Genesis) 21; 6: „Vatomer Sarah zchok asa li elokim, kol hashomea jitzchak li.“ Gelächter hat mir G’tt angetan; Jeder der hören wird (dass ich einen Sohn geboren habe) wird mich auslachen.“

 

Später ergeht der Befehl G’ttes an Awraham in Bereschith (Genesis) 22, 1-19. „Und es war nach diesen Begebenheiten, und es prüfte G’tt den Abraham und sprach zu ihm: „Abraham!“ Und er sprach: „Hier bin ich“ und Er sprach: „Nimm doch deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, den Jizchak und gehe in das Land Morijah und bringe ihn dort zum Opfer auf einem der Berge, den ich dir ansagen werde. „ Und Abraham stand morgens früh auf, und sattelte seinen Esel und nahm seine beiden Knaben mit sich, und seinen Sohn Jizchak, und spaltete Holz zum Opfer, und machte sich auf und ging an den Ort, den ihm G’tt angesagt hat. Am dritten Tage, da erhob Abraham seine Augen, und sah den Ort von fern. Und Abraham sprach zu seinen Knaben: „Bleibet hier bei dem Esel, und ich und der Knabe, wir wollen gehen bis dorthin; wenn wir angebetet, kehren wir zurück zu euch.“ Und Abraham nahm das Holz des Ganzopfers und legte es auf Jizchak, seinen Sohn, aber in seine Hand nahm er das Feuer und das Schlachtmesser; und sie gingen beide zusammen. Und Jizchak sprach zu Abraham, seinem Vater und sagte: „Mein Vater!“ und er sprach: „Hier bin ich, mein Sohn.“ Und er sprach: „Siehe, hier das Feuer und das Holz, wo aber ist das Lamm zum Opfer?“ und Abraham sprach: „ G’tt wird sich ersehen das Lamm zum Opfer, mein Sohn!“ und sie gingen beide zusammen. Und sie kamen an den Ort, den ihm G’tt angesagt hatte, und Abraham baute dort den Altar, und legte das Holz zurecht, und band seinen Sohn Jizchak, und legte ihn auf den Altar über das Holz. Und Abraham streckte seine Hand aus, und nahm das Messer, seinen Sohn zu schlachten. Da rief ein Engel des Ewigen vom Himmel ihm zu und sprach: „Abraham! Abraham!“ und er sprach: „Hier bin ich.“ Und er sprach: „Strecke nicht deine Hand nach dem Knaben aus, und tue ihm nicht das Geringste. Denn nun weiss ich, dass du g’ttesfürchtig bist; denn du hast mir nicht verweigert deinen Sohn, deinen einzigen! Da erhob Abraham seine Augen und schaute und siehe da ein Widder, der hernach hängen blieb im Dickicht an den Hörnern; da ging Abraham hin und nahm den Widder, und brachte ihn zum Opfer statt seines Sohnes. Und Abraham nannte den Namen dieses Ortes: „Der Ewige wird ersehen“; so heute gesprochen wird: „Auf dem Berge des Ewigen erscheint man“. Und ein Engel des Ewigen rief dem Abraham zu vom Himmel zum zweiten Male und sprach: „Bei mir hab’ ich geschworen, ist der Spruch des Ewigen, dass weil du dieses getan hast, und hast nicht verweigert deinen Sohn, deinen einzigen, dass ich dich segnen werde, und mehren deinen Samen wie die Sterne des Himmels und wie den Sand, der am Rande des Meeres, und besitzen wird dein Same das Tor seiner Feinde. Uns sich segnen werden mit deinem Samen alle Völker der Erde, zum Lohne, dass du gehorcht hast meiner Stimme.“ Und Abraham kehrte zurück zu seinen Knaben, und sie erhoben sich und gingen zusammen nach Beershewa, und Abraham blieb in Beerschewa.“

 

G’tt will Awraham prüfen. Was ist denn seine Prüfung? Aus heutiger Sicht denken wir seine Prüfung besteht daraus, zu sehen ob Awraham bereit ist seinen geliebten Sohn zu schlachten. Wenn wir uns aber vor Augen führen, dass Awraham zu einer ganz anderen Zeit gelebt hat; nämlich zu einer in der es durchaus üblich war Kinder dem Molech zu opfern. Was ist dann die Prüfung?

 

Der Rabbi von Kotzk (1787 – 1859) sagt: „Der Abstieg von der Akedah (der Bindung) war viel schwieriger als der Aufstieg.“

 

Es leuchtet ein, dass der Aufstieg nicht nur im physischen Sinne schwer war: Vater und Sohn steigen auf den Berg, einer um zu töten, einer um getötet zu werden. So schrecklich es ist, so unglaublich riesig ist es. Aber trotzdem gibt es für den Rabbi von Kotzk eine noch bedeutendere Dimension der Geschichte: den Abstieg.

 

Die Midraschsammlung Bereschit Rabba (5. Jh.) interpretiert diese Bibelverse auf eine äusserst überraschende Weise: Und er sprach: ‚Strecke nicht deine Hand nach dem Knaben aus’ – wo blieb denn das Messer? Drei Engelstränen fielen vom Himmel und stumpften das Messer ab. Da sagte Awraham: ‚Dann will ich ihn erwürgen!‘ Da sagte er ihm: ‚Strecke nicht deine Hand nach dem Knaben aus’. Da sagte Awraham: ‚Dann will ich ihn wenigstens ritzen und etwas Blut von ihm heraus­kommen lassen!‘ Er aber sprach: ‚Tue ihm nicht das Geringste‘ - bringe ihm keinen Leibesfehler bei!" Dieser unglaubliche Dialog soll sich nach dem Midrasch oben auf dem Berg Moriah abgespielt haben. Awraham ist „geladen“, er ist total auf sein Ziel fokussiert, G’ttes ursprünglichen Befehl auszuführen und seinen Sohn zu opfern. Zuerst versuchen die Engel ihn davon abzuhalten, indem sie ihm sein Schlachtmesser abstumpfen. Aber solche technische Probleme werden einen religiösen Eiferer wie Awraham nicht von seinem Ziel abhalten. ‚Dann will ich ihn erwürgen!‘ Nachdem ihm auch diese Möglichkeit verwehrt wird, will er seinem Sohn eine Ritzwunde beifügen, um ihn so wenigstens symbolisch zu töten. Aber selbst dieser Weg wird ihm von G’tt versperrt: „Tue ihm nicht das Geringste - bringe ihm keinen Leibesfehler bei!" Der Midrasch erklärt hierbei das hebräische Wort „Me’uma“ („das Geringste“) mit dem Ausdruck „Mum“, was soviel bedeutet wie Makel oder Wunde.

 

Der arme Vater Awraham ist vollkommen verwirrt. Zuerst verspricht ihm G’tt eine rosige Zukunft durch Jizchak, dann gebietet Er ihm, ihn als Opfer darzubringen, um Awraham schliesslich im letzten Moment zurückzupfeifen. Was um G’ttes Willen ist denn nun G’ttes Wille? Tatsächlich scheinen G’ttes Versprechungen und Anweisungen voller Widersprüche zu sein. G’ttes Antwort fällt im Midrasch unerwartet listig aus: „Ich habe dir nicht gesagt ‘schlachte ihn’, sondern ‘bringe ihn hinauf'; du hast ihn hinaufgebracht, so führe ihn jetzt wieder hinab.“ Der Ausdruck „weha’alehu le’Olah“ („bringe ihn hinauf als Olah“) müsse nämlich nicht unbedingt als Befehl, Jizchak zu töten und als Opfer darzubringen, verstanden werden, denn mit dem Wort „Olah“ könne einerseits ein ‘Ganzopfer’, andererseits ein schlichter 'Aufstieg' gemeint sein. Die hier benutzte Sprache G’ttes ist bewusst zweideutig. An Awraham selbst würde es liegen, sich für eine der beiden Interpretationsmöglich-keiten zu entscheiden. In seinem fundamentalistischen Eifer hat sich Abraham für die strenge, grausame Interpretation entschieden. G’tt verlangt, dass er Jizchak hinaufbringt, um ihn dann wieder hinunterzubringen, nicht mehr und nicht weniger. G’tt ist an der moderaten, lebensfreundlichen Interpretation seines Befehls interessiert.

 

In einer seiner raren Schriften („‘Uwacharta baChajim‘ - und du sollst das Leben wählen“, Basel-Alon Schwut, 1994) versucht Rabbiner Michel Monheit, die Bedeutung der Akeda durch die Brille des Midrasch und des Rabbi von Kotzk zu lesen: „Man stelle sich die folgende Situation einmal vor: Abraham, von einem Elan, einem aussergewöhnlichen religiösen Elan getrieben, sagt sich: ‚In Ordnung. G’tt wünscht, dass ich den Kleinen leben lasse, aber ich will mehr tun!‘ Man stelle sich vor, Abraham tötet seinen Jungen, sogar nachdem G’tt ihm dies untersagt hat. Es wäre aussergewöhnlich, phänomenal.- aber Abraham wäre nicht ein Patriarch geworden. Er wäre in die Geschichte eingegangen als Legende, als ausserordent-liche, heilige Legende, aber Abraham hätte uns nicht interessiert, er wäre weder zum Gründer des Monotheismus noch zum Stammvater avanciert. Die Versuchung, das Schlachtmesser in Gang zu setzen, übermässig diensteifrig zu sein, war für Abraham sehr stark. Er hätte die Lage als einmalige Gelegenheit interpretieren können, G’tt zu übertreffen, indem er seinen Sohn trotzdem geschlachtet hätte. Das Verdienst Abrahams liegt jedoch genau darin, verstanden zu haben, dass der G’tt, der mit ihm sprach, das Leben will und nicht den Tod. Aus diesem Grunde besteht die Prüfung im Abstieg und nicht im Aufstieg: Der wahre Test beginnt erst, als sie vom Berge Moriah hinabsteigen, weil es dann darum geht, die Spannung, den Eifer des Hinwegs aufrechtzuerhalten. Die Wahrung eben dieser Tension ist die Essenz der ganzen Prüfung.“

 

Bei der Prüfung handelt es sich primär also nicht um eine „Bindung Jizchaks“, sondern vielmehr um eine psychologische Selbst-Bindung Abrahams. Er muss lernen, seinen totalen, absoluten G’tteseifer zu binden, zu bändigen, und versuchen, den religiösen Enthusiasmus während und nach dem Abstieg zu verspüren und ins Leben hineinzutragen. Es mag nobel sein, für G’tt zu sterben, aber es ist immens schwieriger, für G’tt zu leben.

 

Das Judentum versucht aus jeder biblischen Geschichte einen aktuellen Bezug herzustellen und gerade in einer Zeit, in welcher es von fundamentalistischen und zerstörerischen Auslegern wimmelt, soll die lebensbejahende Botschaft der Bindung Awrahams und Jitzchaks, uns allen ein gegenwärtiges Beispiel sein.

 

Anat Weill, Basel 9.5.2010